Reale Werte ohne Rinke-Bonus
Dagmar Becker hat es kommen sehen. "Das war ein Ergebnis mit Ansage", meint die SPD-Kreisvorsitzende. Einen Schuldigen für das Wahl-Debakel der Sozialdemokraten sieht sie im Landeschef Christoph Matschie. Viele Südharzer SPD-Sympathisanten hätten Ende August den Wechsel in Thüringen gewählt. Das Geschehen in Erfurt, dieses "Hinhalten", wie es Becker nennt, enttäusche diese Menschen nun sehr. Auch deshalb sei die SPD im Landkreis Nordhausen auf 19,5 Prozent gerutscht.
Nordhausens CDU-Ortschef Norbert Klodt sieht das anders. Jetzt habe die Südharzer SPD ihre realen Werte - ohne den Rinke-Bonus, der zur Kommunalwahl noch ausschlaggebend war, als die Sozialdemokraten im Sog der Nordhäuser Oberbürgermeisterin triumphierten. Über das Gesamtergebnis seiner Partei freut sich Klodt, ebenso über das Nordthüringer Direktmandat für Manfred Grund. Allerdings ist auch Klodt nicht entgangen, dass sich Grund während des Wahlkampfes im Südharz "rarer gemacht hat". Weil der Bundestagsabgeordnete auf sein starkes Eichsfeld bauen konnte. "Die Rechnung ist aufgegangen", sagt Klodt nüchtern.
Linke-Kreischef Rainer Bachmann hat Grunds seltenes Erscheinen in Nordhausen miterlebt und meint, dass der CDU-Mann zum Teil sehr arrogant aufgetreten sei. Dafür habe er in der Rolandstadt die Quittung erhalten. Den Triumph im Landkreis für den Kandidaten der Linken, Alexander Scharff, wertet Bachmann als "großen Erfolg", der Mut mache. Die Partei hätte richtig gelegen, einen 25-Jährigen ins Rennen zu schicken. Das Super-Ergebnis sei ein "Zeichen, dass wir weiter junge Leute fördern sollten", analysiert Bachmann.
Die Südharzer FDP richtet sich in erster Linie am bundesweiten Gesamtergebnis auf, ist aber auch nicht unzufrieden mit den Nordhäuser Zahlen. In der Region hätte sich die Landtagsabgeordnete Franka Hitzing zwar mehr gewünscht, doch die 9,3 Prozent im Landkreis seien eine Steigerung gegenüber früheren Wahlen. Der positive Bundestrend spiegele sich durchaus wider, meint Hitzing, "wenn auch in einer anderen Größenordnung".
Bitter sind die Zahlen für die Südharzer Grünen. 5,2 Prozent im Landkreis sind frustrierend. Nur in einem Dorf (Osterode) ist der Zweitstimmen-Wert zweistellig. Ansonsten liegt die Öko-Partei in etlichen Orten hinter der NPD. In Schiedungen und Immenrode steht gar eine Null. "Wir haben gekämpft", verteidigt Heinrich Lorenz vom Kreisvorstand der Grünen das Ergebnis, "aber es war schwer gegen die erdrückende Logistik der anderen Parteien". Außerdem meint Lorenz: Es sei spürbar gewesen, dass es der dritte Wahlkampf dieses Jahres war. Der Neustädter beobachtete zuletzt eine grüne Wahlmüdigkeit. "Die Luft war raus."
Quelle: Thüringer Allgemeine

