Nicht alle über einen Kamm scheren!
Der FDP-Kreisverband sowie die Stadtratsfraktion Weimar hatten am Montag, den 03. Mai 2010, zu einem Liberalen Salon eingeladen. Das Thema des Abends lautete "Förderschule pro und contra". Beinahe 50 interessierte Gäste, meist Pädagogen aus diesem Bereich sowie betroffene Eltern, waren der Einladung der FDP gefolgt. Mit der Vizepräsidentin des Thüringer Landtages und Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der FDP-Landtagsfraktion, Franka Hitzing, stand den Anwesenden eine profunde Kennerin der Materie zur Verfügung. Franka Hitzing ist neben diesen Funktionen Fraktionssprecherin für Bildungs- Wissenschafts- Kulturpolitik und selbst Regelschullehrerin.
Bereits in ihrer Einführung betonte sie aus der Sicht der Regelschullehrerin die Probleme mit der Integration schwer behinderter Kinder."Die Förderschule hat sehr wohl ihre Berechtigung.", betonte die Bildungspolitikerin und lobte die hervorragende Betreuung der Kinder an diesen Einrichtungen durch sehr gut ausgebildetes Fachpersonal. Dieses könnte sich mit den Betroffenen intensiv in kleinen Gruppen auseinandersetzen. Den Vorteil der integrativen Schule indes sieht sie darin, dass Kinder von Kindern lernen können. Einen weiteren wichtiger Aspekt sprach sie an: "Kinder aus integrativen Schulen erhalten einen Regelschulabschluss, im anderen Fall eben einen Förderschulabschluss, was in vielen Fällen den Einstieg ins Berufsleben erschwere. Im weiteren Verlauf bezog sie sich auf den Grad der Behinderung. So sei für sie ein deutlicher Unterschied, ob es sich um eine schwere geistige Behinderung, eine körperliche Behinderung oder um eine Lernschwäche handle. So könne es passieren, dass ein Kind für die Sonderschulpädagogik in eine Regelschule kommt, ohne dass dort entsprechend ausgebildetes Fachpersonal vorhanden sei. "Ein Regelschullehrer hat es einfach nicht in seiner Ausbildung gelernt, solche Kinder zu unterrichten." Auch sei eine kontinuierliche Betreuung nur schwer sicherzustellen. Die Folge wäre eine Aufstockung von Personal an den integrativen Schulen, da diese Strukturen noch nicht vorhanden sind. Dieses Problem reiche bis hin zu medizinischem Personal. Aus vielen Gesprächen weiß die liberale Bildungspolitikerin, dass die Lehrer an Regelschulen aus den genannten Gründen geradezu Angst davor haben, eine integrative Schule zu werden.
In der anschließenden Diskussion nutzten die anwesenden Gäste rege die Möglichkeit zur Wortmeldung. So berichtete ein Vater von seiner Tochter, die unter einem schweren Sprachfehler litt. Trotz Therapie bei Logopäden und Ergotherapeuten stellte sich keine Besserung ein. An der Weimarer Sprachheilschule wurde sie sieben Stunden am Tag intensiv beschult. Auch er frage sich, ob integrative Schulen das jeweils notwendige Fachpersonal für alle Bereiche stellen können. Das Ergebnis der Sprachheilschule jedoch lässt aufhorchen. Nach zwei Jahren sei das Kind als geheilt zu betrachten, mit der dritten Klasse konnte es in eine "normale" Grundschule wechseln und besucht nun ein Gymnasium. Der Vater betonte weiter, dass es an der Sonderschule keine Hänseleien gegeben habe, eine Gefahr, die er an einer integrativen Schule nicht ausschließen möchte. Der Schulleiter der Lucas-Cranach-Grundschule in Weimar- Nord, Steffen Schau, beschrieb die gute Zusammenarbeit seiner Schule mit der Herderschule. Seine Kritik lautete: "Mit der geänderten Schuleingangsphase werden alle Kinder in die Grundschule eingeschult. Damit ist die Schule aber überfordert, bis hin zu den Räumlichkeiten. Integrativ zu arbeiten ist erstrebenswert, das Personal fehlt aber." Für ihn steht im Mittelpunkt die Frage: Welcher Grad der Behinderung liegt vor und ist unter schwierigen Bedingungen ein Unterricht überhaupt möglich. Die Leiterin der Landenbergschule, Andrea König, verwies auf die schwierigen Bedingung unter denen schwerbehinderte Kinder unterrichtet werden. Ihr Appell in die Runde lautete: Nicht alle Kinder über einen Kamm zu scheren! Nicht jedes Kind sei für eine integrative Schule geeignet. Dies sei auch eine Frage des Lehrköpers. Förderschullehrer wollten Förderschullehrer werden und Realschullehrer wollten Realschullehrer werden. In kurzer Zeit könne man eine Grund- oder Realschullehrer nicht das Wissen eines Förderschullehrers vermitteln. "In der Grundschule stehen pro Kind 3-4 Wochenstunden für die Sonderpädagogik zur Verfügung. Da wird mir schlecht wenn ich daran denke!", so die Leiterin der Landenbergschule. Die Mutter einer Tochter beschrieb ihre Sorge, die Förderschule könne abgewickelt werden. Denn nur dort sei sie in wirklich guten Händen. Der Fraktionschef der FDP im Weimarer Stadtrat, Bernhard Oedekoven, bezeichnete die Vehemenz mit der Förderschulen eingefordert werden als sozialromantische Visionen von links der Mitte. Diese trauen den Eltern einfach zu wenig zu, selbst zu entscheiden, was für ihre Kinder das Beste sei. Franka Hitzings Einwurf an dieser Stelle: "Wir sollten bei allen diesen Diskussionen nicht die ganz normalen Schüler vergessen, die in diesem System ihren Platz finden müssen. Denn auch diese Schüler haben an der einen oder anderen Stelle ihre Probleme und bedürfen der Förderung. Anschließend betonte sie, dass es erklärtes Ziel der FDP sei, in Thüringen ein verpflichtendes Vorschuljahr einzuführen. "Wir dürfen auf keinen Fall schwarz und weiß malen, schon gar nicht in der Bildung", so Franka Hitzing abschließend.
Dass an diesem Abend nicht alle Fragen erörtert werden konnten, lag auch an der begrenzten Zeit. Mit einer weiteren Veranstaltung wollen die Weimarer Liberalen aber an diese sehr erfolgreiche Veranstaltung anknüpfen.
Quelle: FDP Weimar/Purdel

