Förderschulen als Bildungsweg?
Im „Sonneneck“ in Nordhausen fand gestern auf Einladung Franka Hitzings, der Bildungspolitischen Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion und Vizepräsidentin des Thüringer Landtages eine Diskussionsveranstaltung mit SchulleiterInnen und LehrerInnen zum Thema Förderschulsystem statt. nnz folgte dem Verlauf als Zuhörer. 
Vom chronologischen Themenverlauf abweichend, sei hier das Resumee der Veranstaltung durch Franka Hitzing sinngemäß vorangestellt: Ich nehme aus dieser Veranstaltung als Ergebnis die Einsicht mit, dass zwischen den Plänen der Landesregierung zur Reform des Förderschulsystems und den Erfahrungen der Lehrkräfte vor Ort eine nicht geringe Diskrepanz besteht, also zwischen Theorie und Praxis. Und die Erfordernisse bei der Reform nach allen Erfahrungen der Lehrer vielfach andere sind als vom Bildungsministerium geplant.
Ein solches Resumee hätte an der Basis, also bei SchulleiterInnen von Förderschulen und –zentren nicht viel Hoffnung auf sinnvolle Änderungen aufkommen lassen, wenn Franka Hitzing damit nicht die Zusicherung verbunden hätte, nun den Ansatz für ihre weiteren Bemühungen im Bildungsausschuss des Landtages erkannt zu haben. 
Die als Diskussionsveranstaltung deklarierte Versammlung entwickelte sich unter der Moderation von Klaus-Dieter Drick, Vorsitzender des Schul-, Kultur- und Sportausschusses des Nordhäuser Kreistages, mehr zu einer Anhörung, die selbst für jene teilweise neue Erkenntnisse brachte, die selbst Schulleiter sind, allerdings an Grund- oder Regelschulen, wie Hitzing und Drick. Letzterer betonte immerhin, dass Thüringen ein erfreulich breites Bildungssystem besitzt, das auch grundsätzlich erhalten werden sollte.
Hier sei eingeräumt, dass dem Berichterstatter die Materie zunächst weitgehend fremd war und er sich in Vorbereitung zu dieser Veranstaltung anhand von Verlautbarungen des Bildungsministeriums und anderer Sachberichte Zugang zu diesem Thema zu schaffen versuchte. Umso mehr musste er im Verlaufe der Veranstaltung einsehen, dass die Praxis ganz andere Vorstellungen vermittelt.
Das Förderschulsystem birgt eine spezielle Problematik, bei der es weniger um die Förderschulen selbst geht, sondern um die Schüler, die in diesen Schulen unterrichtet werden (müssen), weil sie durch Behinderungen geistiger oder körperlicher Art nicht die Voraussetzungen für eine Unterrichtung in Grund- oder Regelschulen erfüllen.
Ob nun ein schulpflichtig gewordenes Kind das Glück hat, trotz einer Behinderung oder Lernschwäche in einer regulären Schule zu lernen, das hängt neben dem Bundesland wohl auch von der Kampfbereitschaft der Eltern ab: die Statistik zeigt gravierende Unterschiede zwischen den Bundesländern. Zwischen 3,5 Prozent (Schleswig-Holstein) und 8,65 Prozent (Mecklenburg-Vorpommern) aller Schüler lernen außerhalb der Regelschulen.
Und während in Baden-Württemberg viermal mehr Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen als in Brandenburg in Förderschulen lernen (müssen), haben wiederum in Brandenburg lernschwache Kinder ein fast doppelt so hohes Risiko, an eine Förderschule abgewiesen zu werden. In Schleswig-Holstein lernen nur knapp 0,07 Prozent aller Schülerinnen und Schüler wegen Defiziten in ihrer „emotionalen und sozialen Entwicklung“ in Förderschulen, zugleich verweist Thüringen 14 Mal so viele dorthin. (Werte von 2007).
Daraus ergibt sich die Frage nach den Ursachen dieser enormen Unterschiede Umso mehr, als die Attestierung eines „sonderpädagogischen Förderbedarfs“ mit der drohenden Folge des Ausschlusses aus der Gesellschaft verbunden sein kann. Die Kinder werden nicht selten isoliert, beschämt und ins verkümmerte vierte Glied außerhalb des regulären Schulsystems abgeschoben. Denn nur jeder Sechste erhält die zusätzliche Förderung an Regelschulen. Dort besteht auch für sie die realistische Möglichkeit, einen Abschluss zu erwerben, wohnortnah zu lernen, Freundschaften in der Freizeit zu pflegen und vor intellektuelle Herausforderungen gestellt zu werden.
Um jene negativen Folgen tunlichst zu vermeiden, gilt das Bemühen einer integrativen Beschulung, also dem gemeinsamen Lernen in Grund- und Regelschulen. In Förderschulen sollen dann nur Kinder unterrichtet werden, deren Defizite keine andere Möglichkeit zulassen. Oder die sich im gemeinsamen Unterricht als zu auffällig erweisen.
Die damit verbundenen Bedingungen und Anforderungen an Schulträger und LehrerInnen sind gravierend, wie durch die Redebeiträge in der gestrigen Veranstaltung sehr deutlich zum Ausdruck kam. Sie reichen vom sozialen Dienst mit der Zuordnung des Kindes zur geeigneten Schulform, der Notwendigkeit entsprechend ausgebildeten Lehrpersonals, Einsetzung von Integrationsnavigatoren, dem zeitlichen Aufwand individueller Betreuung und Unterrichtung und vielen mehr. Erfordernissen also, die in den Schulen erbracht werden müssen, die aber „von oben“ teilweise anders eingeschätzt oder gar nicht berücksichtigt werden.
Diese unterschiedliche Sichtweise veranlasste einzelne der Diskussionsbeteiligte, auf die „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ hinzuweisen, in der die Integration betroffener Kinder in das System einer integrativen Beschulung verlangt wird (die dann erst rausfallen, sofern das nicht gelingt). Worauf sich diese Konvention allerdings nicht beschränkt. Schließlich und damit zusammenhängend wurde die Umsetzung der einschlägigen Pläne des Kultusministeriums durch Staatssekretär Dr. Roland Merten und das Förderschulgesetz kritisch unter die Lupe genommen. Und dabei eben bemängelt, dass die Erfahrungen der Lehrkräfte in den Schulen zu wenig berücksichtigt werden.
Das Resumee Franke Hitzings ließ immerhin die Gewissheit aufkommen, dass die Interessen von Förderschulen, das Selektionsverfahren und die grundsätzliche Bereitschaft zum Engagement der Lehrkräfte um ihre Schüler gut vertreten werden.
Quelle: NNZ Julius Seifert

